TL;DRTL;DR too long; didn't read. Wörtlich übersetzt "zu lang; nicht gelesen". Überschrift für eine kurze Zusammenfassung eines längeren Artikels oder Beitrags.
Barrierefreies Gendern bleibt ein Balanceakt: GenderzeichenGenderzeichen Genderstern (*): z.B. Schüler*innen Unterstrich (_): z.B. Schüler_innen Doppelpunkt (:): z.B. Schüler:innen Binnen-I: z.B. SchülerInnen Diese Zeichen wollen Sichtbarkeit für mehr als zwei Geschlechter schaffen. machen Sprache inklusiv für viele, aber unzugänglich für andere – zum Beispiel für blinde Menschen mit ScreenreaderScreenreader Software, die Texte am Bildschirm laut vorliest oder als Braille ausgibt.. Am barriereärmsten sind Schreibweisen ohne Sonderzeichen, etwa neutrale Begriffe („Mitarbeitende“ – allerdings schlecht für Leichte SpracheLeichte Sprache Sehr vereinfachte Sprache, geregelt nach festen Standards.) oder die klassische Doppelnennung („Leserinnen und Leser“ – möglichst mit Hinweis in der Einleitung, dass non-binäre Menschen mit gemeint sind). Wenn Du Sonderzeichen einsetzt, dann am besten den Stern (*) – aber möglichst sparsam. Es gibt noch keinen perfekten Weg. Passe die Methode der Zielgruppe an und erkläre Sonderzeichen, wenn du sie nutzt.
Wie du inklusive Texte schreibst, ohne neue Hürden zu bauen
Barrierefreiheit und Gendern – beide Themen stehen für Teilhabe und Gerechtigkeit. Trotzdem geraten sie im Alltag schnell aneinander: Das Gendern will Sprache offener machen, erschwert sie aber für viele Menschen. Und Texte, die barrierefrei sein sollen, treffen oft nicht alle Geschlechter. Wie lässt sich das auflösen? Hier findest du Hintergrund und konkrete Tipps, damit du niemanden ausschließt – zumindest so wenig, wie es die aktuelle Sprache zulässt.
Im Kern soll Sprache alle Menschen einschließen – unabhängig vom Geschlecht, von Behinderungen, von Bildung oder Muttersprache. Aber: Genderzeichen wie Sternchen (*), Unterstrich (_), Doppelpunkt (:) oder auch das Binnen-I erschweren das Verständnis für blinde und sehbehinderte Menschen mit Screenreadern, für Menschen mit Lernschwierigkeiten und für manche im Autistischen Spektrum.
Welche Genderzeichen gibt es?
- Genderstern (*): z.B. Schüler*innen
- Unterstrich (_): z.B. Schüler_innen
- Doppelpunkt (:): z.B. Schüler:innen
- Binnen-I: z.B. SchülerInnen
Diese Zeichen wollen Sichtbarkeit für mehr als zwei Geschlechter schaffen – aber sie bringen technische und verstehensorientierte Hürden mit sich.
Drei Prinzipien für barrierefreies Gendern
- Wahrnehmbarkeit: Der Inhalt muss für alle erkennbar und lesbar sein – auch über Screenreader.
- Verständlichkeit: Die Formulierung muss eindeutig und dem Kontext angepasst sein.
- Reproduzierbarkeit: Sie soll leicht zu schreiben, vorlesen und digital verarbeiten sein.
Leider ist die technische Umsetzung nicht standardisiert und kein aktuelles Genderzeichen erfüllt alle drei Anforderungen vollständig.
Wo liegen die Hauptprobleme?
- Screenreader: Sie lesen Sonderzeichen oft falsch (z.B. „Schüler-Stern-innen“ oder „Schüler innen“ ohne Pause). Das stört den Lesefluss oder erschwert das Verständnis.
- BraillezeileBraillezeile Gerät zur Anzeige von Braillezeichen, üblicherweise mit Hilfe von Stiften mit runder Spitze, die durch Löcher in einer ebenen Fläche angehoben werden. Damit können Benutzer mit Sehbehinderung die digitale Textausgabe lesen.: Sonderzeichen müssen durch spezielle Ankündigungszeichen gekennzeichnet werden. Auch das stört den Lesefluss.
- Einfache und Leichte Sprache: Genderzeichen, aber auch neutrale Begriffe sind für viele Menschen mit Lernschwierigkeiten schwer fassbar.
- Nicht-binäre Sichtbarkeit: Klassisches „Leserinnen und Leser“ schließt non-binäre Menschen aus, ist aber besser verständlich für viele Zielgruppen.
„Falls jedoch mit Kurzformen gegendert werden soll, empfiehlt der DBSV, das Sternchen zu verwenden, unter anderem, weil davon auszugehen ist, dass Doppelpunkt und Unterstrich für sehbehinderte Menschen schlechter erkennbar sind als das Sternchen.“
„Das Unterdrücken des Doppelpunktes führt (…) zu einer längeren Pause als das Unterdrücken anderer Zeichen. So kann der Eindruck entstehen, der Satz sei zu Ende.“
Quelle: DBSV
Was ist aktuell die beste Lösung?
Einen perfekten Standard gibt es (noch) nicht: Was für einen Personenkreis Barrieren abbaut, errichtet sie für andere.
Pragmatische Empfehlungen für barrierefreies Gendern:
- Genderneutrale Begriffe verwenden (lesende Personen, Mitarbeitende): Kein Sonderzeichen, gut für Screenreader, aber oft schwierig für Leichte Sprache. Auch wenn du ohnehin separate Inhalte in Leichter Sprache anbietest, werden diese nicht alle Menschen nutzen, die mit manchen Begriffen Probleme haben.
- Doppelnennung (z.B. Kolleginnen und Kollegen): Binär, schließt non-binäre Menschen aus, aber gut für Leichte Sprache und Screenreader. Füge am Anfang eine kurze Erläuterung ein, dass auch non-binäre Menschen mit gemeint sind.
- Erklärung der Genderzeichen: Wenn du im Text mit Genderzeichen arbeitest, am Anfang eine kurze Erläuterung, optional in Leichter Sprache, geben.
- Mehrzahl ist meist einfacher als Einzahl: „Mitarbeiter*innen“ statt „der/die Mitarbeiter*in“;
- Genderzeichen sparsam nutzen: Wenn Genderzeichen, dann am besten *
Im Zweifel: Passe deine Entscheidung an Zielgruppe und Medium an. Sprich mit den betroffenen Menschen, wenn es geht. Sei flexibel. Und: Schreib lieber „für Menschen“ als „über Menschen“.
Barrierefreie Sprache oder Leichte Sprache?
Leichte Sprache gehorcht spezifischen Regeln und erfordert spezielle Übersetzungen. Leichte Sprache richtet sich an Menschen mit eingeschränktem Leseverstehen, sei es durch kognitive Einschränkungen, durch funktionalen Analphabetismus oder durch geringe Deutschkenntnisse.
Barrierefreiheit ist viel umfassender. Barrieren treffen auch Menschen mit durchschnittlichen oder sogar überdurchschnittlichen Sprachkenntnissen und Leseverstehen. Barrierefreie Sprache ist also breiter angelegt und richtet sich an alle. Sie berücksichtigt aber, dass nicht allen alle Sinne gleichermaßen zur Verfügung stehen.
Quelle: Genderleicht
Fazit
Gendern ist nicht grundsätzlich barrierefrei – es nicht zu tun aber auch nicht. Die perfekte Lösung gibt es nicht, aber jeder Versuch zählt: Hauptsache, der Lesenden wird sichtbar signalisiert, dass sie*er gemeint ist. Und wo du durch das Gendern Barrieren erzeugst, hilf mit Erklärungen und Offenheit, sie wieder abzubauen.
Quellen:
- Barrierefrei gendern – wie geht das? (Martin Schienbein)
- Barrierefrei gendern: Was soll ich beachten? (Genderleicht)
- Digitale Barrierefreiheit auf der semiotischen Ebene der Genderzeichen (BFIT-Bund)
- Gendergerechte Sprache & Barrierefreiheit (myAbility)
- Gendern (DBSV)